Balestrand kommune: Aktivitäten / Aktiviteter
 
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Sværaskaret / Sværeskaret - Wanderung     /     29.07.2005
Startpunkt: Parkplatz auf dem Gaularfjellet bei Torsnesstølen
Gehzeit: 3 - 5 Stunden ( je Kondition / ohne Pausen ) / Für Fotografen & Liebhaber toller Aussichten wird die Zeit auch länger.
Höhenprofil in m: 690 ( Parkplatz Gaularfjellet ) - 764 ( Bergrücken ) - 740 ( Skarvatn ) - 1 ( Sværen ).
Weglänge: etwa 8 km
Schwierigkeitsgrad: Da der Weg bis auf anfangs 84 m Steigung nur bergab verläuft, ist keine besondere Kondition nötig. Der teilweise geröllige Abstieg durch die Sværaskaret erfordert gutes Schuhwerk und Trittsicherheit.
Karte: Statens Kartverk Norge 1:50.000: 1317 IV - Haukedalen
= Fotos ( Ein Klick auf das große Photo führt zurück zur Tourbeschreibung )
Prolog
Der Weg über das Gaularfjell und durch das Sværaskar hinunter zum Sværafjord ist schon sehr alt. Lange Zeit war es der wichtigste und meistgebrauchte Verkehrsweg zwischen indre Nordfjord, Sunnfjord und Sogn. Vom Fjord in Sværen konnte man dann per Schiff oder Boot nach Flåm, Aurland, Lærdal oder Vik reisen. Natürlich gab es auch die Möglichkeit, über den Sognefjord zum Meer zu gelangen, um dann die Küste hinunter nach Bergen oder noch weiter zu schippern. Den letzteren Weg nahmen Mitte des 19. Jahrhunderts viele Menschen aus Sværen und Torsnes, um nach Amerika auszuwandern.
Der Weg durch das Sværaskar wurde sommer- und wintertags begangen. Die Bauern aus Torsnes und Sværen trieben hier sogar jährlich ihr Vieh zum Weiden auf das Gaularfjell hoch. So eine Viehherde brauchte meist drei Tage hinauf nach den Almhütten in Torsnesstølen und zwei Tage zurück nach Sværen.
Wir hatten uns diese Tour schon zuhause ausgewählt, da wir auch mal gerne einen Weg nehmen wollten, der fast nur bergab geht - im Fjordland eigentlich eher selten. Doch diese Tour muss gut durchdacht sein. Wer zu mehreren unterwegs ist, und zwei Autos zur Verfügung hat, der ist gut dran. Man stellt das eine Fahrzeug in Sværen ab und fährt zum Parkplatz bei Torsnesstølen auf dem Gaularfjell. Nach der Wanderung hinunter nach Sværen kann man mit dem dort abgestellten Fahrzeug wieder das zweite Auto auf dem Gaularfjell abholen. Wer zwischen Balestrand und dem Vetlefjorddal eine Hütte bzw. Ferienhaus gemietet hat und nette Vermieter hat, der kann sich auch von diesen hinauf zum Gaularfjell bringen lassen. Für uns kam beides nicht in Frage. Unser Vermieter der Årly hytte am Südufer des Viksdalsvatn war zwar sehr nett, wohnte aber in Førde.
Doch auch für uns gibt es eine Möglichkeit, die Tour fast ohne Stress zu bewältigen. Zwischen dem 01. Juni und dem 31. August verkehrt nur an Werktagen einmal täglich ein Bus zwischen Balestrand und Førde ( siehe Fahrplan ). Auch wenn Sværen nicht als Haltestelle genannt ist, kann man dort doch zusteigen. Wir hatten uns in etwa ausgerechnet, dass der Bus gegen 10:30 Uhr dort durchfahren müsste.
Der 29.07. ist der letzte Tag vor der Heimreise. Strahlender Sonnenschein fällt in das Schlafzimmer. Etwas hastig frühstücken wir, kontrollieren die Fotoausrüstung und packen den Rucksack. Vor uns liegen 51 km bis nach Sværen. Um 08:50 Uhr starten wir von Årli aus und folgen dem Rv 610 in östlicher Richtung zur Einmündung auf den Rv 13. Der Viksdalsvatn liegt bleiern im Licht der Morgensonne und reizt uns zu zwei Aufnahmen in Richtung der Höfe Roska und Kvammen am gegenüberliegenden Ufer. Etwa 1,3 km bevor der riksvei 610 auf den riksvei 13 stößt, wird die Straße enger und drängt sich an die senkrechte Felswand des 390 m hohen Matbjørnhammaren. Ich fahre vorsichtiger, da uns gestern morgen an diesem engen, unübersichtlichen Abschnitt urplötzlich ein Bus entgegenkam und mich zu einer Vollbremsung zwang. Gefährlich nah an der Felswand kamen wir 2 m vor dem Bus zum Stehen. Der Busfahrer nahm´s gelassen und deutete mit einer Armbewegung an, dass wir zurücksetzen sollten. Ich startete den Wagen und fuhr langsam rückwärts bis zu einer Ausbuchtung, wo beide Fahrzeuge nebeneinander passten.
Bewusst langsam und aufmerksam passiere ich heute morgen diese Stelle und natürlich haben wir diesmal keinen Gegenverkehr. Bei Eldalsosen, dort wo die Gaula in den Viksdalsvatn mündet, stoßen wir auf den Rv 13, der die ersten 700 m rechts und dann immer links des Flusses hinauf auf das Gaularfjell führt. Auf der Plattform über den Serpentinen schießen zwei Motorradfahrer Erinnerungsfotos. Wir durchfahren im Bårddal die 9 Kehren der grandiosen, im Jahre 1938 fertiggestellten Strecke hinunter ins Vetlefjorddal. Am Westufer des Vetlefjord und am Ostufer des Sværafjord entlang gelangen wir zum kleinen Örtchen Sværen. In der Bushaltestelle sitzt schon eine ältere Dame. Ist es schon so spät? Ein Blick auf die Uhr zeigt 09:48 Uhr - gut 40 Minuten noch bis zur Abfahrt des Busses.
Wir parken das Auto unter einer alleinstehenden Kiefer nahe dem Bootssteg. Der Ort und der kleine Seitenarm des riesigen Sognefjord wirken fast unwirklich still. Deshalb fällt uns auch sofort eine Art Schnauben aus Richtung Fjord auf. Nach einer Weile sehen wir kurz eine Rückenflosse auftauchen und hören wieder das Ausblasen der Luft. Es ist eine kleine Walart - wahrscheinlich ein Schweinswal. Dieser Kleinwal ist an den Küsten Nordeuropas stark vertreten und sie schwimmen auch weit in Fjorde und manchmal sogar in Flussmündungen hinein. Mechtild versucht aufgeregt das Säugetier auf´s Bild zu bannen. Doch auch als es sich bis auf 10 m dem Bootssteg nähert, erscheint nur kurz die schwarze Rückenflosse und das Tier taucht wieder ab. Schweinswale springen nicht - wie etwa die verwandten Delfine - aus dem Wasser. Deshalb darf man eigentlich keine spektakulären Fotos erwarten. Trotzdem, da wir ja noch etwas Zeit haben, fahren wir mit dem Auto zurück an das Nordufer des Fjords, da sich dort zwei Rückenflossen zeigen. Als wir dort ankommen ist von den Tieren weit und breit nichts zu sehen. Nach einigen Minuten hören wir von der Mitte des Fjords das Ausblasen der Luft. Wir geben auf und fahren wieder zum Bootssteg. Wir wechseln unser Schuhwerk und rüsten uns für die Wanderung.
Kurz darauf sehen wir den Bus bei Sværafjorden um die Kurve kommen. Die alte Dame in der Bushaltestelle ist inzwischen von einem Taxi in Richtung Balestrand abgeholt worden. So stehen wir jetzt hier ganz allein und sind gespannt auf die Busfahrt hinauf auf das Gaularfjell. Auf unser Handzeichen hält der Fahrer an. Wir hatten keinen vollbesetzten Bus erwartet, aber auch keinen absolut leeren. Die Fahrt zum Torsnesstølen-Parkplatz kostet für 2 Personen 65 NOK. Da der Fahrer keine Anstalten macht, ein Gespräch zu beginnen, genießen wir die Aussicht auf den Fjord - für mich als Fahrer eine ungewohnte Erfahrung. Da auch in Torsnes und Meel keiner zusteigt, hat die Fahrt hinauf auf´s Fjell fast einen privaten Charakter.
Wer etwas Nervenkitzel mag, dem kann man diese Bustour nur empfehlen. Die Straße ist abschnittsweise sehr eng und die Perspektive aus dem Busfenster lässt oft keine Straßenbegrenzung erkennen, sondern nur Abgrund. Aber der Fahrer hat Routine. Das merkt man besonders in den Kehren, als er so weit rechts ausholt, dass es für uns den Anschein hat, als müsste der Bus jeden Moment von der Straße rutschen und in die Tiefe stürzen. Dann tangiert er vorne fast die Felswand, so dass man bei offenem Fenster Blumen pflücken könnte. Nach der letzten, großen Kehre kommt die Aussichtsplattform ( utsikten ) in Sicht. Groß ist unser Erstaunen, als der Fahrer wie selbstverständlich den Parkplatz auf der Plattform anfährt und uns auf englisch verkündet: "Stop for 20 minutes". Bis Torsnesstølen sind es nur noch knapp 6 km, allmählich geht es auf Mittag zu, die Sonne brennt vom Himmel und wir befürchten in der Schlucht nachmittags nicht mehr das optimale Licht zum Fotografieren zu haben. So hält sich unsere Begeisterung über diesen Zwischenstopp in Grenzen. Doch der Halt hier oben scheint auf dieser Strecke Vorschrift zu sein, ob nun 2 oder 50 Fahrgäste. Der Fahrer geht ins Toilettenhäuschen und setzt sich anschließend seelenruhig auf die kleine Nebenplattform und ließt Zeitung. Wir setzen uns auf die breite Mauer und genießen die herrliche Aussicht über die Berge südlich des Jostefonn. Im Laufe der 20 Minuten quälen sich nur wenige Autos die 703 m Höhenunterschied vom Vetlefjord bis zur Plattform hoch.
Die Pause ist vorbei. Der Fahrer steigt wieder in den Bus, wir ebenfalls und die Fahrt geht durch eine karge Gebirgslandschaft am Nordufer des 715 m hoch gelegenen Nystølsvatn entlang. Wir passieren die im Jahre 1953 erbaute Nystølen fjellstova, ein Gasthof dessen Betrieb schon seit längerem niedergelegt wurde. An der Winterstation von Statens vegvesen erreicht der Gaularfjellsvegen mit 748 m seinen höchsten Punkt. Kurz danach stoppt der Bus um 11:35 Uhr auf dem Parkplatz bei Torsnesstølen. Hier beginnt auch der Fossestien, ein insgesamt 21 km langer, schöner Wanderweg entlang des geschützten Wasserlaufes des Flusses Gaula.
Unser "Privatbuss" ist schon weiter auf seiner Route nach Førde. Wir machen uns auf den Weg, der in südöstlicher Richtung hinunter zum Fluss Gaula führt. Das Fjell ist üppig mit Gras, Weiden und Fjellbirken bewachsen. Ein paar Hütten liegen verstreut in der Landschaft. Eine Holzbrücke führt über die Gaula, die hier von mehreren kleinen Zuflüssen gespeist wird. Wer hier schon Brotzeit machen möchte, findet auf den Felsen unterhalb der Brücke ein schönes Plätzchen ( siehe Foto ). Hinter der Brücke steigt der Pfad etwas an und verläuft an den äußersten Ausläufern des 1.254 m hohen Tuftanovi entlang. Nach Westen geht der Blick weit in das Tal der Gaula und auf das 1.201 m hohe Storefjell. Etwa 50 m tiefer liegt der Lonevatn, der erste von vielen Seen, die der Fluss Gaula bis zur Mündung in den Dalsfjord durchfließt. 200 m vor Torsnesstølen zweigt der Fossestien von unserem Pfad ab und führt hangabwärts zum Lonevatn. Die Hütten von Torsnesstølen gehören Bauern von Torsnes und Sværen. Es gibt viele Geschichten, dass sich früher auch Landstreicher und Gesindel vor dem Arm des Gesetzes auf die Almhütten gerettet haben sollen. Heute liegen die Hütten friedlich in der Mittagssonne. Nur eine einsame Kuh grast in der Nähe und beäugt uns erstaunt. Der Pfad führt zwischen den Hütten hindurch und führt abwärts in die Senke Tuftabotn, die von einem kleinen Bergbach durchflossen wird. Dieser lässt sich bequem überqueren. Nun beginnt die einzige nennenswerte Steigung dieser Tour - von 690 m auf 764 m Höhe. Über Felsbänder geht es schweißtreibend hinauf zum Kamm des Bergrückens zwischen dem Tuftanovi im Osten und dem Flatfjell im Westen. Die Alm Torsnestølen scheint schon weit entfernt.
Oben angekommen, erblicken wir eine typische Berglandschaft oberhalb der Baumgrenze. Nur noch Zwergsträucher, Gräser und vereinzelt dicke Farnbüschel bedecken die welligen Hügel. Dazwischen schimmert der kleine Bergsee Skarvatn, eingebettet zwischen den steilen Flanken der Berghänge. Auf dem Kamm zweigt der Pfad zum 1.446 m hohen Johannesberg ab, einem fantastischen Aussichtsberg in Midtre Sogn. Auf der Südseite des Kammes führt der Weg um eine sumpfige Senke herum, wo noch vor kurzem der Schnee des letzten Winters abgetaut ist. Nur ein kleiner Hügel trennt uns noch vom See. Auf einem Felsen oberhalb des Pfades machen wir Rast und genießen die Aussicht auf den etwa 1,3 km langen Skarvatn ( siehe Foto ). Während wir dort sitzen und uns mit Farris innerlich abkühlen, überholt uns ein deutsches Ehepaar mit Sohn. Wir erfahren von ihnen, dass sie unten in Sværen wohnen und diese Wanderung schon mal gemacht haben. Etwas weiter rasten sie am Ufer eines kleinen Bergbaches, der in den See mündet. Westlich von uns erhebt sich der tiefgrün bewachsene Hang des 1.072 m hohen Flatfjell. Der Pfad verläuft anfangs nicht direkt am Ufer des Sees entlang, sondern landeinwärts immer einige Meter oberhalb der Wasserspiegels. Das Ostufer ist nicht begehbar. Dort steigt die Steilwand des 1.264 m hohen Tuftanovi direkt aus dem Wasser. Am Südende des See erhebt sich der 919 m hohe Felsbuckel Kabusa. Es wird erzählt, dass einmal ein Senner vor Landstreichern dort hinauf geflüchtet ist, um mittels Blasen einer Lure aus dem am Fjord gelegenen Dorf Hilfe herbeizuholen.
Inzwischen ist es auf der Strecke belebter geworden. Eine holländische Familie mit 3 Kindern - alle mit Angelruten bewaffnet - ziehen an uns vorbei. Kurze Zeit später traben noch 4 junge Norweger in Richtung Süden. Wir beenden unsere Rast, überholen das deutsche Ehepaar und überqueren ein paar Bergbäche, die sich über den Hang des Flatfjell ergießen. Der Pfad rückt näher an das Seeufer und wird zusehends schmaler. Ein paar Geröllfelder, davon zwei mit Schneefeldern bedeckt, erfordern Trittsicherheit. Die 4 Norweger kommen uns auf dem schmalen Pfad entgegen. Ist etwa der Zugang zur Schlucht unpassierbar? Wir wollen uns auf jeden Fall selbst überzeugen. Am gegenüberliegenden Ufer stürzt aus dem Vassdal ein kräftiger Bergbach in den Skarvatn. Er wird durch den 330 m höher gelegenen Vassdalsvatn gespeist, einem kleinen See am Hang des 1.430 m hohen Vassdalsnipa.
An einer kleinen Bucht am Ende des Sees steht ein Minnestein ( siehe Foto ) zum Gedenken an den Tod von Hugleik Tungøen. Hugleik stammte aus dem Oldedalen, wo sich - bedingt durch lange, strenge Winter - die Gletscher weit in die Täler auf Wiesen und Felder vorgeschoben hatten. Viele Bauern konnten die Abgaben an die Grundbesitzer nicht mehr bezahlen und mussten betteln gehen. Zu allem Elend brannte im Jahre 1695 auch noch Hugleiks Hof ab. Er und die anderen Bauern verlangten eine Senkung der Abgaben, was die Lehnsherren, darunter der Probst von Innvik natürlich ablehnten. Aus diesem Grunde machte er sich mit seinem Nachbar Ola Kvamme auf den Weg zum König in Kopenhagen, um dort um Hilfe für die hungernden Bauern zu bitten. 4 Jahre später, als sich immer noch nicht viel zu Gunsten der armen Bauern getan hatte, machte er sich nochmals auf den beschwerlichen Weg über das Gebirge zum Statthalter des Königs in Kristiania ( Oslo ), um nochmals das Leid der Bauern vorzutragen. Mit einem positiven Bescheid in der Tasche trat er den Heimweg an. 8 Tage vor Weihnachten des Jahres 1706 stieg er die verschneite Scharte zum Gaularfjell hinauf. Am Skarvatn wurde er von einem starken Schneesturm überrascht und er erfror am Ufer des Sees. Der dortige Minnestein wurde im Jahre 1961 errichtet. Ein größerer Gedenkstein an diesen tapferen Mann steht auch im Oldedalen.
Auf einem Felshügel am Ende des Skarvatn steht eine alte Hütte mit Grasdach. Da hier die Holländer ihrem Angelvergnügen nachgehen, beschließen wir, nicht dort sondern weiter unter in der Schlucht nochmals eine Pause einzulegen. Der Sværelvi, der Auslauf des Skarvatn, zieht breit und kräftig aus. Vor uns liegt die geröllige Scharte, zu der wir hinübermüssen. Wir suchen eine Möglichkeit, den Sværelvi trockenen Fußes zu überqueren. Am Ende der seeartigen Verbreiterung sieht es gut aus. Doch es erfordert schon Trittsicherheit, auf den runden Felsen und wackligen Steinen das andere Ufer zu erreichen. Dort ist der Pfad kaum zu erkennen, aber wir folgen den Felsbändern auf der Ostseite des Sværelvi. Dieser überbrückt den Höhenunterschied mit kleinen Wasserfällen. Die Berghänge schieben sich bedrohlich zusammen, dicke Felsblöcke säumen den Weg und nach Süden haben wir den ersten freien Blick auf die Bergwelt rund um den mittleren Sognefjord.. Über uns drohen breite Abbruchkanten, zwischen deren herabgestürztem Geröll man sich klein und verloren fühlt.
"Endlich allein mit der Natur!" Uns sind nämlich Touren abseits der Touristenscharen lieber. Dort, wo man sich ungestört Zeit und Muße nehmen kann für schöne Ausblicke oder Fotos. Auf den Highlights Preikestolen, Kjeråg und Besseggen war uns zu viel Rummel. Die würden wir gerne im Frühjahr oder Herbst noch einmal erklimmen, wenn der Andrang der Sommersaison vorbei ist.
Je tiefer wir in die Scharte vordringen, desto mehr kommt die Fjordlandschaft ins Blickfeld. Vor uns taucht ein breiter, blanker Felsbuckel auf. Von ihm erhoffen wir uns endlich die freie Sicht hinunter ins Sværdalen. Wir haben uns nicht zu früh gefreut. Als wir die Oberkante des Øvstefoss erreichen, geht der freie Blick hinunter durch das Tal auf das 550 m tiefer gelegene Örtchen Sværen am Sværafjord.
Ein fantastischer Aussichtspunkt für eine längere Rast. Hinter uns auf dem Gaularfjell wird die Bewölkung dichter und dunkler. Doch nach Süden sieht es eigentlich nicht nach Regen aus. So können wir uns ruhig Zeit lassen. Tief unten schlängelt sich der Rv 13 um den Sværafjord, der in den etwas längeren Vetlefjord mündet. Dahinter erhebt sich ein gewaltiger Bergrücken, der im Süden mit dem 1.082 m hohen Meneseggi beginnt und weiter nördlich mit dem 1.547 m hohen Melsnipa seinen höchten Punkt erreicht. Die Wandertour ab Menes über diesen Gebirgsrücken, der den Vetlefjord vom Fjærlandsfjord trennt, zählt zu den spektakulärsten Touren in Midtre Sogn. Sie erfordert aber auch eine sehr gute Kondition.
Unsere Einsamkeit währt nur kurz. Weit oben am Beginn der Schlucht können wir 3 Gestalten zwischen den Felsen ausmachen, zwei größere und eine kleine - das deutsche Paar mit Sohn. Unsere in Erwägung gezogene Abkühlung unter dem kleinen Wasserfall nebenan fällt daher regelrecht ins Wasser. Wir gönnen uns noch einen letzten Blick von diesem herrlichen utsiktspunkt, nehmen noch einen kräftigen Schluck aus der Thermosflasche und steigen entlang des Øvstefoss weiter abwärts. Unterhalb des Falls wird es noch gerölliger. Dichter Farnbewuchs überwuchert den Pfad, so dass Unebenheiten und Löcher zwischen den Steinen kaum zu erkennen sind. Oben auf der Felswulst des Øvstefoss ist inzwischen die deutsche Familie eingetroffen und genießt kurz die Aussicht. Ein wenig mulmig ist es uns schon auf diesem Pfad, da hier öfters große Felsbrocken oder kleinere Felsstücke herumliegen. Die Abbruchkanten sehen meist sehr frisch aus. Besonders in den Wintermonaten und im Frühjahr ist die Gefahr von Steinschlägen oder Gerölllawinen an diesen steilen Hängen sehr groß, da gefrierendes Wasser den Fels sprengt. Zum Glück haben wir bis jetzt kein polterndes Geräusch vernommen.
Das Ehepaar mit Kind ist schneller. Wir klettern abseits des Pfades auf einen Felsen, um dort nochmals eine kleine Rast einzulegen, und lassen die drei passieren. Einige Minuten lang können wir ihren Abstieg durch den gerölligen Hang verfolgen ( siehe Foto ). Nach 10 Minuten folgen wir ihnen bergab durch den Geröllhang. Am schattigen Osthang des 1.328 m hohen Sværeggi halten sich sogar Ende Juli in nur 350 m Höhe noch ein paar Schneefelder. Über uns erhebt sich die steile Wand des Raudnipa. Hoffentlich spuckt sie nicht solche Brocken aus, die jetzt vor uns den Pfad blockieren.. Doch man kann ihn leicht umgehen. Rechts auf dem Grund der Scharte fällt der Nestefoss über glatte Felsbänder zu Tal. Die Felswand des Raudnipa rückt bis an den Pfad heran. Das Tal zieht sich noch einmal eng zusammen. Die Sonne ist schon soweit nach Westen gewandert, dass die Westflanke des Sværdal völlig im Schatten liegt. Plötzlich hören wir Stimmen. Unter uns auf dem Pfad biegen zwei Männer im Laufschritt um eine Felsnase. Beide in kurzen Sporthosen und mit freiem Oberkörper joggen mit einem "Hei" an uns vorbei die Scharte hinauf. Der Ältere ist bestimmt schon 70 Jahre und hat kein Gramm zu viel unter seiner zerknitterten Haut. Etwas neidisch blicken wir ihnen nach und rätseln, wie hoch sie wollen und wie lange sie das wohl durchhalten. Kurz danach passieren wir ein Felsband am Steilhang des Raudnippa. Ein länglicher Felsblock scheint nur darauf zu warten, uns platt zu machen.
Nach dem Überqueren eines Geröllfeldes erreichen wir endlich die Baumgrenze. Die Beine werden allmählich müder, ein paar Gelenke machen sich bemerkbar und immer noch liegt Sværen über 2 km entfernt. Den Weg dorthin versüßen wir uns mit schönen, dicken Blaubeeren, die nun üppig den Wegesrand säumen. Da können wir nicht widerstehen! Außerdem sind wir ja zeitlich ungebunden, da unser Astra schon in Sværen auf uns wartet. Nicht ohne Grund heißt einer der Flüsschen, die vom Hang des Johannesberg hinunterstürzen und den Sværelvi verstärken, Blåbærskreda. Durch die vielen Zuflüsse wird der Sværelvi im unteren Lauf so kräftig, dass hier sogar ein Mini-Kraftwerk geplant ist.
Das Tal wird immer breiter und der Pflanzenwuchs immer üppiger. Das Gehen auf dem geraden Wiesenpfad tut richtig gut. Im Wald der vorwiegend aus Weiden und Birken besteht, teilt sich der Weg. Nach rechts führt ein Pfad an der Westseite des Flusses entlang. Wir bleiben östlich des Sværelvi auf einem breiten Waldweg. Endlich raus aus der Sonne! Ab und zu queren schottrige Querrinnen den Weg, die im Frühjahr das Schmelzwasser in den Fluss tranportieren. Bei Timravollen führt der Weg durch dunklen Nadelwald. Plötzlich öffnet sich dieser und wir stehen auf der Almwiese von Vetlestølen. Hinter uns aus dem Wald erschallen Stimmen. Sind doch nach uns noch weitere Wanderer die Schlucht hinuntergestiegen? Fehlanzeige! Der alte Mann und sein jüngerer Begleiter joggen fröhlich zum 2. Mal an uns vorbei. Es ist uns fast peinlich, dass wir so langsam waren, dass sie uns auf dem Rückweg aus der Scharte noch überholen konnten. Wir entschuldigen dies mit dem intensiven Blaubeerpflücken am Wegesrand.
Nach der Almwiese beginnt ein breiter Fahrweg, der nochmals durch ein Stück Nadelwald führt. Westlich des Hofes Hellebø führt eine Brücke über den Sværelvi an das Westufer. Kurz darauf treten die Bäume zurück und geben den Blick auf die ersten Höfe von Sværen frei, umgeben von saftigen Wiesen. Hinter dem ersten Gård stoßen wir auf den Fahrweg, den wir rausgekommen wären, wenn wir uns im Wald für den Weg entlang der Westseite des Flusses entschieden hätten ( siehe Foto ). Hinter uns liegen am Osthang des Tales die Berge Raudnipa, Vassdalsnipa und Blåhesten noch im Schein der Sonne, während das Tal im Schatten versinkt.
In Sværen erzählt man sich noch eine Geschichte über einen Geldschatz. Südöstlich des Ortes - in Richtung des Hofes Grønlund - liegt am Hang ein großes Geröllfeld, Sværuri oder auch Sværauri genannt. Dort soll es einen unterirdischen Gang geben, der in früheren Zeiten Räubern Zuflucht geboten hat. Einmal sollen sie dort einen Hirtenjungen getötet haben. Sie wurden gefasst und auf dem Richtplatz zu Veganeset ihrer gerechten Strafe zugeführt. Dies ist um 1650 geschehen. Der Schatz der Räuber soll sich noch in dem Gang befinden. Von 3 ineinandergestellten Kupferkesseln soll der kleinste voll mit Gold- und Silbermünzen sein. Die Sage erzählt, dass ein schrecklicher Hund den Schatz bewacht. Viele haben schon das Geld gesucht, aber bisher wurde nichts gefunden.
Zur Aufbesserung der Urlaubskasse könnten wir den Zaster auch gebrauchen. Aber es ist schon 18:32 Uhr und wir haben keinen Bock mehr auf Geröll. Wir sind froh, uns am Auto der Wanderschuhe entledigen zu können. Neben dem Haus gegenüber sitzt das deutsche Ehepaar und trinkt schon genüsslich nach dem Abendessen ein Glas Bier. Vor uns liegt noch die 51 km lange Fahrt zurück über das Gaularfjell zur Årli-Hütte.
Eins wissen wir schon jetzt: hinter uns liegt eine herrliche Wanderung durch eine rauhe, wilde Natur und in der letzten Nacht vor der Heimreise werden wir sehr gut schlafen.

Sogn og Fjordane: Aktivitäten
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